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Hinduismus ist auch in Hamm zu Hause                                              
Geschrieben von: Helim Yusiv   
Donnerstag, den 27. Mai 2010 um 11:57 Uhr
Eine Reportage zum Besuch von SprInt-Wuppertal im Hindu-Tempel
Donnerstag, 5. Mai, acht Uhr. Wir SprInt treffen uns im Wuppertaler Hauptbahnhof. Es ist kalt und wie immer, wenn es im Sommer oder Frühling regnet oder schneit, sprechen wir Migranten über die eigenen Heimatländer und vergleichen das Wetter in Deutschland mit dem natürlich viel angenehmeren Wetter dort. Ein Kollege bringt Neuigkeiten: „Der Zug nach Hamm hat Verspätung, über eine halbe Stunde!“ Wie frierende Vögel sehen wir nach oben auf die Fahrplantafel. Sie bestätigt die Information. Einige von uns freuen sich: „Dann fahren wir nicht mit dem Regionalexpress, sondern mit dem ICE.“
Halb zehn, Hamm Hauptbahnhof – Unser Termin war um 10:00 Uhr. Wir steigen in einen Bus Richtung Hamm-Uentrop, wo der Hindutempel steht. Trotz der Verspätung der Bahn erreichen wir unser Ziel pünktlich. Schon draußen sehen wir bunte, exotische Zeichnungen und Bilder an den Wänden: Wir stehen kurz davor, eine andere Welt zu betreten.
Unsere Führerin durch den Tempel sieht dagegen nicht sehr indisch aus: Angelika A. ist blond und um die 50 Jahre alt. Sie erklärt, dass Sie seit 15 Jahren an diesem Tempel beschäftigt ist. Während ihrer Erklärungen wartet ein Mann in Hindu-Tracht an der Tür auf uns. Die Tür ist halb geöffnet, der Blick des Mannes fragend, vielleicht auch abschätzend, wer diese bunte Besuchergruppe wohl sein mag. Während Angelika A. spricht, nehmen wir ein Schild neben der Tür wahr:
„Liebe Tempelbesucher, Es gibt aus religiösen Gründen Einschränkungen für den Besuch des Tempels. Wir bitten Sie, diese zu berücksichtigen:
- Rauchen, der Verzehr von Fleisch und Eiern, sowie Alkohol auf dem Grundstück und im Gebäude ist nicht erlaubt.
- Schuhe und Lederbekleidung sind vor dem Betreten des Tempels im Schuhraum ausziehen.- Handys müssen im Tempel ausgeschaltet sein.
- Während der Gottesdienste darf im Tempel nicht fotografiert oder gefilmt werden.“
Der Türwächter wartet, bis wir alle wichtigen Informationen verstanden haben. Jetzt kann er sicher sein, dass wir uns an die Regeln halten, und lässt uns eintreten. Am Anfang mussten wir die Schuhe ausziehen. Beim Eintreten habe ich mich an unseren Moscheebesuch erinnert – einige Rituale ähneln sich.
Farbige Zeichnungen an der Wände des Hauses weckten den Eindruck, dass wir in einen heiligen Ort sind. Unsere Führerin erläutert uns künstlerische Elemente, Symbole, Zeichnungen und die Schreine der Göttin und der Götter. Im Zentrum steht der Schrein der Göttin Sri Kamadchi Ampal: „Dieser in Südindien sehr berühmten und hochverehrten Göttin ist der Tempel in Hamm-Uentrop geweiht“, sagt Angelika A. „Sri ist eine Respekt erweisende Anrede; Ampal bedeutet im Tamilischen Göttin, auch Mutter. Gemeint ist die Göttin als Mutter aller Wesen und der Welt.“
Die anfängliche Vertrautheit vom Umkleide-Ritual ist beim Anblick der Götterbilder verflogen. Gott oder Allah war für mich immer im Himmel und im Ungesehenen. Die Göttinnen und Götter hier sind farbige Figuren und man kann Sie einfach berühren.
Gamadchi ist die Göttin mit den Augen der Liebe. Ihr gütiger Blick erfüllt alle an sie herangetragenen Bitten und Wünsche. Die Göttin ist stets festlich gekleidet, wie eine Herrscherin mit feinem Stoff und Blumengirlanden geschmückt. Sie trägt eine hoch aufragende Krone, an deren linker Seite die Mondsichel des dritten Tages befestigt ist. In ihren vier Händen hält die Göttin einen Stachelstock, eine Fangschlinge, stilisierte Blumenpfeile und einen Zuckerrohrstengel. „Diese Attribute“, erklärte die Führerin, „sind Symbole für ihre Kraft des Willens.“
In einer Ecke steht ein Schrein, der dem elefantenköpfigen Gott Ganesha gewidmet ist. Ganesha gilt als der erste, ältere Sohn des Götterpaares Shiva und Parvati. Parvati ist ein anderer Name der Göttin Kamadchi. Das ist etwas verwirrend, aber die Führerin sagt: „Charakteristischerweise hat jede Göttin bzw. jeder Gott eine Vielzahl von Namen und wird mit einer Litanei von 1000 Namen verehrt.“
Rechts vom Ganesha-Schrein befindet sich der Schrein für Shiva. Shiva gilt als einer der größten Götter des hinduistischen Glaubens. Hier ist Shiva als „Lingam“ dargestellt. Das Lingam hat die Form einen phallusförmigen Steines. Einige Deutungen interpretieren das Lingam als formlose Form.
Neben dem Zentralschrein ist der Gott Murugan zu sehen. Er wird in Sanskrit auch Subramanya, Skanda oder Karttikeya genannt. Murugan gilt als zweiter, jüngerer Sohn von Shiva und Parvati und ist kriegerischer Gott und kraftvoller Befreier.
Weitere Schreine komplettieren das Pantheon: das Götterpaar Lakshmi-Narayana finden wir an der Westseite, Somaskanda im Norden und in der nordöstlichen Ecke befindet sich der offene, umwandelbare Schrein der Neun Planetengötter, Navagraha.
Der Sri Kamadchi Ampal Tempel besteht in Hamm seit 1989. Es misst 27 x 27 Meter und bildet damit eine Halle von 730 qm. Die Geschichte des Tempels ist eng verbunden mit der Flucht von Zehntausenden Tamilen. Sie verließen Sri Lanka ab 1983, als sich der Konflikt zwischen der singhalesischen Mehrheit und der tamilischen Minderheit verschärfte. In Deutschland leben gegenwärtig ca. 60.000 srilankische Tamilen, etwa 45.000 sind Hindus. Zu Ihnen gehört auch unsere Kollegin Kirija Kämpf, die uns den Kontakt zum Tempel verschafft hat. Sie hat heute eine farbenprächtige Hindu-Tracht angezogen. Nachdem unsere Gruppe den Tempel betreten hat, betet Sie als erstes zu Ganesha.
Die Zeit vergeht schnell. Um 12 Uhr beginnt der Gottesdienst. Während der Zeremonie dürfen wir nicht fotografieren. Es erklingt schöne Musik, die mich an kurdische Volksmusik erinnert. Der bärtige Priester kommt mit einem jüngeren Helfer, die beiden braunhäutigen Männer tragen Hindu-Tracht. Nur der Priester darf den Schrein der Göttin betreten. Er vollzieht ein Ritual: In einer komplexen Bewegung gibt er mit der einen Hand Blumenblätter an die Göttin, während er mit der anderen eine kleine Flamme wie eine Laterne schwingt.
Die Priester selbst haben für uns Mittagessen vorbereitet. Es gibt vegetarische, in Öl gebratene Köstlichkeiten, dazu Brot und Obst. Viele von uns sind inzwischen sehr hungrig, wir hinterlassen nur leere Schüsseln.
Ich habe einige Kolleginnen über ihre Eindrücke zum Tempelbesuch befragt. Elena Stork fasst die Stimmung unter den Sprach- und Integrationsmittlern zusammen: „Das Gefühl, dass ich in Europa bin, in einer modernen Gesellschaft, wo man alles planen und zählen kann, hatte ich in dieser kurzen Zeit überhaupt nicht. Einige Stunden lang war ich in einer anderen Welt, in einer Welt der Göttinnen und Götter, in einer ungewöhnlichen Welt. Diese Atmosphäre ließ mich über die Bedeutung des Lebens nachdenken.“ Nach dem Essen beginnt die Rückfahrt nach Wuppertal. Jeder von uns hat aus Hamm viele Gedanken, Fragen, neues Wissen und neue Gefühle zu den Menschen und zur Welt mitgenommen.
Donnerstag Abend. Als ich ins Bett gehe, merke ich, dass etwas in meiner Seele sich geändert hat.